Fimo Blog

Long Covid vs ME/CFS

Long Covid

Long Covid, womit häufig das Post Covid Syndrom gemeint ist, beschreibt eine Reihe von Symptomen, die nach der akuten Erkrankung auftreten können. Die Bezeichnung Long Covid meint das verlängerte Bestehen der Symptome bis zu 12 Wochen. Bestehen die Symptome auch nach 12 Wochen immer noch, so spricht man eigentlich vom sogenannten Post-Covid-Syndrom. Häufig werden die beiden Begriffe Long Covid und Post-Covid-Syndrom trotzdem synonym verwendet.
Die meisten Betroffenen berichten von folgenden Symptomen:
  • langandauernde Fatigue (schwere Erschöpfung) und Atembeschwerden (Dyspnoe)
  • kognitive Beeinträchtigungen (sogenannter Brain-Fog)
Des Weiteren können noch auftreten:
  • Muskelschmerzen
  • Gelenkschmerzen
  • Herzrasen/Herzrhythmusstörungen/Kreislaufbeschwerden
  • Gliederschmerzen
  • Verlust von Geschmacks- und Geruchssinn
  • Husten
  • Kopfschmerzen
  • Ausschlag
Falls du mehr zum Thema Long Covid erfahren möchtest, schau doch gerne in unseren Blog Artikel.

ME/CFS

Die obige Symptomatik ähnelt sehr stark der einer anderen chronischen Krankheit - ME/CFS. ME/CFS ist die Abkürzung für Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue Syndrom. Dies ist eine neuroimmunologische Multisystemerkrankung. Eines der häufigsten Symptome von ME/CFS ist die sogenannte post-extertional Malaise (PEM). Dies ist eine extreme Form der Erschöfpung, welche bis zu 48 Stunden nach körperlicher oder geistiger Anstrengung auftreten kann. Weitere Symptome sind z.B:
  • Orthostase-Intoleranz (Symptomverschlechterung bei Wechsel in die aufrechte Körperhaltung: Schwindel, Schwächegefühl, Herzrasen oder Atemnot)
  • Überempfindlichkeit gegenüber Reizen (z.B Licht, Gerüche, Chemikalien, Nahrungsmittel)
Wenn du mehr über ME/CFS erfahren möchtest, haben wir einen Blog Artikel, den du dir anschauen kannst.

Ist Long Covid gleich ME/CFS?

Long Covid und ME/CFS überschneiden sich sehr stark hinsichtlich der Symptomatik. ME/CFS tritt in 50% der Fälle nach viralen Infektionen auf. Aufgrund dieser Tatsachen vermuten manche Forscher:innen eine enge Verbindung dieser zwei Krankheiten. Eine Studie der Charité hat gezeigt, dass bei ca. der Hälfte der untersuchten Personen 6 Monate nach einer milden bis mittelschweren Sars-CoV-2 Infektion ME/CFS diagnostiziert werden kann. Das Symptom, welches dabei am häufigsten auftrat, war die post-extertional Malaise (PEM).
Einige Forscher:innen sprechen sogar von Post-Covid ME/CFS. Ob es sich dabei um die selbe Krankheit handelt oder die Symptome sich nur sehr stark ähneln, muss noch weiter erforscht werden. Unabhängig davon erhält ME/CFS durch Long Covid vermehrte Aufmerksamkeit in Medien und Forschung. Das dürfte Betroffenen Hoffnung machen, denn lange Zeit war ME/CFS bei Ärzt:innen relativ unbekannt. Deshalb war und ist der Weg zur Diagnose und Therapie oft sehr lang.

Ähnlichkeiten der Symptomatik

Ein Review, also eine Übersichtsarbeit, die systematisch die Ergebnisse aus vorherigen Studien zusammenfasst und bewertet, hat gezeigt: Bei 25 von 29 bekannten ME/CFS Symptomen berichtete mindestens eine Studie vom gleichen Symptom bei Long Covid Patient:innen. Das bedeutet eine Überschneidung der beiden Krankheitsbilder von 86%.
Dazu gehören u.a :
  • Fatigue
  • Post-exertional Malaise
  • Konzentrationsprobleme und Wortfindungsstörungen
  • Schlafprobleme
  • Schmerzen (Kopfschmerzen, Muskelschmerzen)

Medizinische Ähnlichkeiten

Aktuelle Studienergebnisse hinsichtlich der Ähnlichkeit von Post Covid und ME/CFS zeigen einige medizinische Gemeinsamkeiten auf, wie z.B.:
  • verringerte Verformbarkeit der roten Blutzellen
  • Reduzierter Blutfluss zum Gehirn.
  • reduzierter Stoffwechsel im Gehirn
  • Dysfunktion des Endothel (innerste Zellschicht der Blutgefäße) mit gestörter Sauerstoffversorgung der Gewebe

Unterschiede Long Covid und ME/CFS

Es gab einige Symptome, die innerhalb des oben genannten Reviews exklusiv bei ME/CFS oder Long Covid beschrieben wurden. Bei Long Covid sind das der Verlust von Geschmacks- und Geruchssinn und Ausschläge.
Symptome, die im Review nur bei ME/CFS beschrieben wurden, waren Überempfindlichkeit gegenüber Reizen wie Licht und Gerüche, Lymphknotenschwellungen und -schmerzen, Tinnitus und Doppelbilder. Auch Probleme mit der Motorik wurden im Review nur bei ME/CFS beschrieben. Das kann im Einzelfall aber auch anders sein, die Krankheitsbilder überlappen an vielen Punkten.

Therapie von Long Covid und ME/CFS

Aufgrund der großen Ähnlichkeit in der Symptomatik der beiden Krankheiten sehen die aktuellen Leitlinien auch eine ähnliche, symptomoriente Therapie vor. Diese basiert vor allem auf verhaltenstherapeutischen und bewegungstherapeutischen Maßnahmen zur Linderung der Symptome und Verhinderung einer Chronifizierung.
Für Betroffene kann es hilfreich sein, sich mit Maßnahmen zur Stressreduktion und adäquatem Coping-Verhalten auseinanderzusetzen. Coping heißt, dass man Methoden anwendet, um mit den Symptomen umzugehen, auch wenn man sich nicht komplett beseitigen kann. Dadurch sollen Betroffene grob gesagt weder zu viel noch zu wenig machen.
Dazu gehört z.B das Pacing, bei dem es darum geht, die eigenen Energiereserven besser einzuschätzen. Bei jeder Aktivität wird dann auf das individuelle Energielevel geachtet, um eine Überanstrengung zu vermeiden. Zusätzlich dazu kann eine Bewegungstherapie mit dosiertem körperlichem Training hilfreich sein, langsam wieder leistungsfähiger zu werden. Training der kognitiven Leistungsfähigkeit kann den Gedächtnis- und Wortfindungsstörungen entgegenwirken.
Psychotherapeutische und medikamentöse Therapien kommen zum Einsatz, um weitere Symptome wie Schmerzen, Kreislaufprobleme, Schlafprobleme oder depressive Verstimmung zu behandeln.

Wie geht es weiter?

Aufgrund der Vielzahl an Betroffenen läuft die Forschung zur Behandlung von Long Covid auf Hochtouren. Auch Medien und Interessenverbände haben sich des Problems angenommen und Aufmerksamkeit für Long Covid und ME/CFS geschaffen. Am 04.05.22 veröffentlichte der wissenschaftliche Dienst des Bundestags eine Stellungnahme bezüglich des Bedarfs an Versorgung und Forschung zu ME/CFS. Es wird gefordert, “sofortige Öffentlichkeitskampagnen, Versorgungsstrukturen ein- schließlich beruflicher Teilhabemöglichkeiten, Forschungsnetzwerke und systematische medizinische Fort- und Weiterbildungsangebote aufzubauen”.
Als Folge dessen hat der Haushaltsausschuss des Bundestages beschlossen, 5 Millionen Euro für die Erforschung von Therapiemöglichkeiten von ME/CFS und Long Covid freizugeben. Damit soll eine Nationale Klinische Studien-Gruppe (NKSG) eingerichtet werden, die deutschlandweit an den zwei Erkrankungen forscht.
Betroffene beobachten die jüngsten Entwicklungen sicher gespannt. Die Förderung von Forschungsprojekten zu ME/CFS und Post-Covid-Syndrom könnte für neue Erkenntnisse in naher Zukunft sorgen. Zudem gerät die vormals eher unbekannte Erkrankung ME/CFS vermehrt ins Bewusstsein von Ärzt:innen. Dies lässt vermuten, dass eine Diagnose in Zukunft schneller gefällt werden kann und eine frühere Behandlung möglich wird.
Nachuntersuchungen der vorangegangene SARS-Pandemie 2002/2003 zeigten, dass 27.1% von 233 überlebenden Patient:innen nachträglich an ME/CFS litten. Da das SARS Virus ebenfalls zur Familie der Coronaviren gehört, könnten auch Erkenntnisse aus der SARS-Pandemie für Betroffene von Long-COVID interessant sein.



Quellen

https://www.mecfs.de/longcovid/
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC8145228/
https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2021.02.06.21249256v1
https://jamanetwork.com/journals/jamainternalmedicine/fullarticle/415378
https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2021.07.13.21260482v1.full.pdf
https://www.bundestag.de/resource/blob/892756/b2a6381e62c7038914cae3781b18269b/Chronisches-Fatigue-Syndrom-ME-CFS-data.pdf
Long Covid ME/CFS