Fimo Blog

Schwangerschaft und MS

In diesem Blogartikel über Schwangerschaft und MS gehen wir verschiedenen Fragen, die vor, während und nach der Schwangerschaft mit MS auftreten können, auf den Grund. Da ca. 2/3 der MS-Betroffenen Frauen sind und oft um das 30. Lebensjahr von ihrer Erkrankung erfahren, fällt die Erstdiagnose meist in eine Lebensphase, in der die Kinderplanung noch nicht abgeschlossen ist. Ganz im Gegenteil - viele befinden sich gerade mitten in der reproduktiven Phase.

Da jeder MS-Verlauf individuell verschieden ist und oft auch Therapien angepasst werden müssen, sollte ein Kinderwunsch zusammen mit der:m Gynäkolog:in und zusätzlich Neurolog:in besprochen werden.

Kann man mit MS Kinder bekommen? - Ja!

Wenn man gerade frisch die Diagnose MS bekommen hat und ein Kinderwunsch besteht, haben viele Betroffene einige offene Fragen.
Die wichtigste und erste Frage ist dann natürlich, ob man überhaupt noch Kinder bekommen kann. Die Antwort darauf ist ‘ja’, denn die MS hat an sich keinen Einfluss auf die Fruchtbarkeit von Frauen oder Männern und bei den meisten MS Patientinnen ist von einem unkomplizierten Verlauf der Schwangerschaft und Geburt auszugehen. Das bedeutet, dass MS per se keine Risikoschwangerschaft ist.
Komplikationen können - wie bei jeder Schwangerschaft - natürlich aber trotzdem auftreten. Insbesondere ist die Komplikationsrate und Schubrate abhängig von der Verlaufsform der MS und den immunmodulatorischen Medikamenten. Einige Medikamente sind während der Schwangerschaft kontraindiziert und sollten somit nicht eingenommen werden.
Auch wenn kurz nach der Schwangerschaft das Schubrisiko zeitweise erhöhte ist, wird der Langzeitverlauf der MS in der Regel durch die Schwangerschaft nicht beeinflusst.

Bekommt mein Kind MS?

Hier muss direkt klargestellt werden, dass MS keine genetisch-vererbbare Erkrankung ist. Nichtsdestotrotz gibt es genetische Faktoren, die mit einer MS Erkrankung assoziiert sind. Das Risiko für Kinder von MS-Erkrankten, selbst eine MS zu entwickeln ist 2% höher als das der Normalbevölkerung. Sollten beide Eltern MS haben, steigt das Risiko auf bis zu 20% an.

Habe ich ein erhöhtes Schubrisiko während der Schwangerschaft?

Circa 25% der Schwangeren entwickeln während der Schwangerschaft einen Schub. Allerdings haben größere Studien gezeigt, dass insgesamt die Schubrate während der Schwangerschaft reduziert ist. Das liegt am ehesten an einer leichten Veränderung des Immunsystems während der Schwangerschaft. Insbesondere im dritten Trimenon ist die Schubrate am geringsten.
Leider besteht in den ersten drei Monaten nach Entbindung ein leicht erhöhtes Schubrisiko, welches sich anschließend wieder normalisiert. Wenn vor der Schwangerschaft eine hohe Krankheitsaktivität bestand, ist das Risiko, einen Schub nach der Schwangerschaft zu entwickeln, besonders hoch.
Studien haben auch gezeigt, dass eine künstliche Befruchtung eher zu einem erhöhten Schubrisiko führen kann.

Kann ich stillen?

Stillen wird grundsätzlich allen Müttern empfohlen, denn Stillen bringt viele Vorteile mit sich. Insbesondere wird durch das Stillen die Mutter-Kind-Beziehung gefördert, das Kind wird mit wichtigen Antikörpern versorgt und das Immunsystem des Babys gestärkt.

Große Studien haben gezeigt, dass stillende Mütter im Vergleich zu nicht-stillenden Müttern ein deutlich geringeres Risiko für einen Schub haben (ca. 35% geringer). Allgemein gilt also die Empfehlung zum Stillen auch für Mütter, die an MS erkrankt sind. Wichtig ist dabei nur, wie bei der Schwangerschaft auch, die Therapie zu beachten und ggfs. anzupassen.

Bezüglich der immunmodulatorischen Therapien während der Schwangerschaft und des Stillens sollte der:die behandelnde Neurologe:in aufgesucht werden. Viele immunmodulatorische Therapien sind während der Schwangerschaft und des Stillens kontraindiziert. Das bedeutet, dass sie dem Kind potentiell schaden können und somit nicht in dieser Zeit eingenommen werden sollen.

Beta-Interferone sind während der Schwangerschaft und Stillzeit zugelassen. Sie gelangen nur in geringem Maße in die Muttermilch und bisher konnten keine negativen Auswirkungen von einer Beta-Interferon Therapie auf die Schwangerschaft oder das Kind nachgewiesen werden.
Eine niedrig dosierte Kortison-Schubtherapie kann ebenso während der Stillzeit durchgeführt werden. Jedoch sollte nach der Verabreichung des Präparats mindestens vier Stunden nicht gestillt werden. Pump daher lieber vor der Therapie Milch ab, damit das Kind versorgt bleibt. Hochdosiertes Kortison darf während der Stillzeit nicht verabreicht werden. Wenn diese Therapie eingesetzt werden muss, dann muss die Stillzeit unterbrochen werden.

Ich darf während der Schwangerschaft keine Medikamente nehmen, stimmt das?

Grundsätzlich können alle krankheitsmodifizierenden Medikamente negative Auswirkungen auf Fruchtbarkeit, oder Ausgang der Schwangerschaft haben. Aus diesem Grund ist es wichtig, bestimmte Medikamente, die über eine lange Zeit eingenommen wurden, frühzeitig vor Beginn des Versuchs schwanger zu werden, abgesetzt werden oder die Therapie verändert werden.

Bevor man seine Therapie unterbricht oder verändert sollte man sich über folgende wichtige Gedanken Überlegungen machen:
  1. Wünsche und Bedenken bezüglich Sicherheit
  2. Wie war die bisherige Aktivität der Erkrankung?
  3. Ist die bisherige Medikation in der Schwangerschaft möglich oder nicht?
  4. Ist schon eine Eskalationstherapie nötig gewesen?
  5. Wie ist der allgemeine Gesundheitszustand?

Wenn man sich dafür entscheiden sollte, seine Therapie während der Schwangerschaft abzubrechen, gibt es eine Reihe an Vorteilen für das ungeborene Kind:
  1. Der Fetus wird nicht "mit behandelt"
  2. Weniger Unsicherheiten bezüglich möglicher Risiken für Fehlbildungen beim Kind
  3. Weniger Unsicherheit für die Mutter
  4. Nicht zwingend mehr Screenings während Schwangerschaft

Wenn man sich für eine Behandlung während der Schwangerschaft entscheidet, gibt es ebenfalls einige Vorteile für die Gesundheit der Mutter:
  1. Beginn der Schwangerschaft nicht vorher zu sehen
  2. Größtes Risiko: Die Zeit ohne Behandlung
  3. Geringeres Schubrisiko in der Schwangerschaft
  4. Keine Notwendigkeit einer Kortisonschubtherapie während der Schwangerschaft (weil mutmaßlich kein Schub auftreten wird)
  5. Besserer Gesundheitszustand der Mutter
  6. Zusätzliche Screenings nötig

Um eine für dich richtige Entscheidung zu treffen, muss immer der "potentielle Nutzen der Mutter, das potentielle Risiko für den Fetus überwiegen".

Nur Kaiserschnitt? Oder ist auch eine natürliche Geburt möglich?

Wenn keine größeren körperlichen Einschränkungen bestehen, ist eine normale vaginale Geburt möglich. Sollten jedoch beispielsweise eine Spastik, Muskelschwäche der Beine oder Fatigue vorliegen, kann dies für die Betroffene zu einer erheblich anstrengenderen Entbindung führen. Daher sollte in diesem Fall über die Möglichkeit über einen Kaiserschnitt bedacht werden.
Entscheidest du dich für eine natürlich Geburt, besteht kein erhöhtes Schubrisiko durch eine mögliche Peridualanästhesie (PDA). Die Anwendung einer Spinalanästhesie oder einer Vollnarkose ist bei einem Kaiserschnitt möglich.
Auf eine Hausgeburt solltest du besser verzichten. Falls ein unvorhergesehener Notfall eintreten sollte, bist du selbst und dein Kind im Krankenhaus durch die Anwesenheit von vielen Ärzt:innen, Medikamenten und Hygiene besser aufgehoben.

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