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Tumorschmerzen

Schmerzen bei Tumorerkrankungen sind keine Seltenheit. Tatsächlich gehört es zu den häufigsten Symptomen der Erkrankten.
69% der Tumorpatient:innen erleben Schmerzen bei allgemeinen, täglichen Aktivitäten. Von chronischen Schmerzen über einen Zeitraum von 3 Monaten oder mehr berichten bis zu 40% der Patient:innen. Schmerzen können sogar auch erst Monate oder Jahre nach der Therapie auftreten.

Tumorschmerzen sind deutlich unterdiagnostiziert und unterbehandelt, dabei können sie bei fast allen Patient:innen gelindert werden. Studien zeigen, dass eine frühe Diagnose und angepasste Therapie ein längeres Leben ermöglichen können. Deshalb wollen wir uns hier diesem Thema widmen.

Was bedeutet Tumorschmerz überhaupt?

Der allgemeine Schmerz wird definiert als ein unangenehmes sensorisches und emotionales Erleben assoziiert mit einer aktuellen oder potentiellen Gewebeschädigung.
Tumorschmerz umfasst somit diese definierte Form von Schmerz im Kontext einer Tumortherapie, Tumorerkrankung oder der damit einhergehenden Begleiterkrankungen.

Doch Schmerz ist nicht gleich Schmerz

Man kann verschiedene Formen von Schmerzen benennen, welche sich in ihrem Ursprung, ihrer Schmerzqualität und in ihrer Behandlung unterscheiden.
Der nozizeptive Schmerz entsteht durch eine Reizung von Schmerz-Rezeptoren, die man im gesamten Körper findet (z.B. bei Verletzungen von Muskeln, Knochen, Bändern, Haut). Oft wird dieser Schmerz als bewegungsabhängig, krampfartig und nächtlich beschrieben.
Neuropathische Schmerzen sind Schmerzen, die durch Schädigungen von Nerven im Gehirn oder im Rückenmark, auch im Rahmen von Infektionen oder Kompressionen, entstehen. Er umfasst einschießende, brennende Schmerzen, teilweise begleitet von Sensibilitätsstörungen, Missempfindungen oder Überempfindlichkeit. Diese Symptome bessern sich nicht bei Ruhe.
Funktioneller Schmerz ist ein Ausdruck psychischer Beeinträchtigung. Dabei besteht kein direkter Zusammenhang zwischen der Schmerzintensität und einer feststellbaren Gewebeschädigungen. Dieser tritt häufig über den ganzen Körper verteilt auf.
Der Übergang zwischen diesen verschiedenen Schmerztypen ist fließend, daher spricht man oft von dem sogenannten “mixed pain”.

Total Pain - Cicely Saunders

Neben diesen teilweise klar definierten körperlichen Ursachen von Schmerz etablierte die Ärztin Cicely Saunders mit dem Begriff “Total Pain” die Multidimenisonalität von Schmerz. Sie beschreibt, dass erkrankte Menschen Schmerzen sowohl physisch, psychisch, sozial, als auch spirituell empfinden. Daraus resultiert ein multidimensionaler Therapieansatz, welcher jede Komponente berücksichtigt.

Das Total Pain Konzept
Das Total Pain Konzept


Therapie

Die Multidimensionalität unterteilt die Therapie in die medikamentöse und nicht-medikamentöse Therapie. Eine Kombination aus beiden Formen nennt man integrative Therapie, welche, additiv zu der Schmerzlinderung, den mentalen Zustand verbessern, die Lebens- und Schlafqualität steigern und das Erleben von Stress und Ängsten senken soll.
Zu Beginn ist das Setzen eines realistischen Therapieziels sinnvoll, um falsche Hoffnungen und Enttäuschungen zu vermeiden. Nicht immer lässt sich die Schmerzsymptomatik gänzlich heilen, jedoch ist bei fast allen Patient:innen eine Linderung möglich.

Medikamentöse Therapie und das WHO Stufenschema

Diese Form der Behandlung orientiert sich an dem WHO-Stufenschema zur Schmerztherapie.
Grundlage dessen ist die Unterscheidung der Schmerzen in leichten, mittleren und starken Schmerz. In der Regel nutzen Ärzt:innen in diesem Fall eine Skala von 0 bis 10, um die Schmerzintensität zu erfragen. Dabei beschreibt 0 einen schmerzfreien Zustand, 10 hingegen den am stärksten vorstellbaren Schmerz.

Schmerzen nach dem WHO-Stufenschema behandeln
Das Stufenschema der WHO

Mit Hilfe der Schmerzskala kann der Schmerz dann auf das WHO-Stufenschema übertragen werden.
Bei leichten Schmerzen (auf der Skala von 0-10 etwa 2-4) kann man im Rahmen der ersten Stufe auf Nicht-Opioidanalgetika, wie z.B. Paracetamol oder Ibuprofen zurückgreifen. Sollten leichte bis mittlere Schmerzen (4-6) vorliegen, wird laut Stufe 2 das Nicht-Opioidanalgetikum der Stufe 1 mit einem schwachen Opioid (z.B. Codein) kombiniert. Auch diese Kombination kann nur begrenzt wirken, weswegen bei starken Schmerzen (6-10) die dritte Stufe, ein stark-wirksames Opioid (z.B. Morphin) nötig sein kann. Hier ist ebenfalls eine Kombination mit Medikamenten der Stufe 1 möglich.
Häufig ist eine begleitende Therapie durch eine sogenannte Co-Medikation sinnvoll. Dabei kann es sich um Antiepileptika oder Antidepressiva handeln. Dabei sei hier erwähnt, dass diese Medikamente nicht verabreicht werden, um eine Epilepsie oder Depression zu behandeln, sondern der Wirkmechanismus genutzt wird, um die Schmerzsymptomatik zu lindern.
Durch die bisher erwähnten Medikamente können im Laufe der Einnahme verschiedene Nebenwirkungen auftreten. Viele dieser Nebenwirkungen, wie z.B. Übelkeit oder Verstopfungen lassen sich durch weitere unterstützende Medikamente gut behandeln.
Neben diesen pharmakologischen Maßnahmen liegen zahlreiche nicht-medikamentöse Therapien vor.

Nicht-medikamentöse Therapie

Laut verschiedener Studien können Depressionen, Stress und Angst das Schmerzerleben von Tumorpatient:innen deutlich beeinflussen. Daher fokussiert sich der Anteil der nicht-medikamentösen Therapie auf die psychische, soziale und spirituelle Dimension.
Ein besonderer Schwerpunkt liegt hier auf der kognitiven Verhaltenstherapie (KVT), der Akzeptanz- und Commitmenttherapie (ACT) und der Patient:innen-Edukation.
In der KVT und ACT lernen Patient:innen verschiedene Bewältigungsstrategien, wie sie mit Schmerz umgehen können. Außerdem werden mithilfe klassischer verhaltenstherapeutischer Maßnahmen katastophisierende Gedanken umgeformt. Im Rahmen eines Verhaltenstrainings können Belastungsgrenzen definiert werden sowie der Nutzen von Bedarfsmedikation und physikalischen Maßnahmen (z.B. Entspannung, Aktivität, Wärme oder Kälte) thematisiert werden. Ansätze wie progressive Muskelrelaxation, Imaginationsübungen und Yoga werden ebenfalls berücksichtigt.

Bei der Patient:innen-Edukation geht es darum, den Schmerz zu verstehen, also die damit verbundenen Ursachen und Funktionen. Darüber hinaus geht es auch darum, den Schmerz zu kommunizieren: in seiner Intensität, Lokalisation und Qualität. Ziel ist es dann, die Selbstwirksamkeit der Patient:innen zu stärken, indem diese lernen, Bedarfsmedikation und physikalische Maßnahmen (z.B. Entspannung, Aktivität, Wärme oder Kälte) gezielt und wirksam eigenständig einzusetzen.

Was kann man als Patient:in selber tun?

Das Wohlbefinden nach oder während einer Tumorbehandlung lässt sich verbessern durch eine ausgewogene, gesunde Ernährung. Des Weiteren wurde in Studien bereits gezeigt, dass Ausdauertraining niedriger Intensität, wie Spazierengehen oder Wandern, die Lebensqualität deutlich steigern kann. Daher ist es sinnvoll, hier die Schmerzmittel gezielt zu nutzen, um eine Form der Aktivität zu ermöglichen. Neben der Aktivität sollte jedoch auch Ruhe integriert werden, z.B. durch Hypnotherapie, Massage oder Meditation.
Außerdem besteht neben einer psychotherapeutischen und ärztlichen Betreuung die Möglichkeit, eine Selbsthilfegruppe aufzusuchen, um in den Austausch mit anderen Betroffenen zu gehen.
Weitere Maßnahmen können sein, Möglichkeiten bezüglich eines Rehaantrages und die Vermittlung sozialrechtlicher Beratungen (Rentenansprüche, Finanzhilfe) zu erörtern.

Chronischer Schmerz nach abgeschlossener Tumorbehandlung

Im Rahmen des chronischen Schmerzes nach einer Tumorbehandlung ist der Ausschluss des erneuten Auftreten des Tumors oder einer Absonderung des Tumors als Metastase die erste Instanz.
Oft äußert sich diese Form von Schmerz als Nerven-, Muskel-, Gelenkschmerz, Lymphödem (Wassereinlagerung) oder genitaler Schmerz.
Es zeigt sich, dass emotionaler Stress, Schlafstörungen, Fatigue, reduzierte körperliche Aktivität und Körperfunktion das Auftreten chronischer Schmerzen begünstigen. Da zusätzlich Risiken der Toleranz und Abhängigkeit bei einer Opioideinnahme als Dauermedikation bestehen liegt der Fokus bei der Therapie auf den nicht-medikamentösen Verfahren.

Fazit

Schmerz ist kein “notwendiges Übel” am Rande der Tumorerkrankung.
Er kann den Alltag nachhaltig belasten. Daher ist es das Ziel, den Schmerz auf ein Niveau zu senken, welches die bestmöglichste Alltagsfunktion erlaubt. Dies kann gelingen durch eine individuelle, multidimensionale Therapie aus medikamentösen und nicht-medikamentösen Verfahren.
Teile dich deinem:r Ärzt:in mit und findet gemeinsam eine Lösung!



Quellen

https://apps.who.int/iris/bitstream/handle/10665/279700/9789241550390-eng.pdf?ua=1
https://www.esmo.org/content/download/310712/6338480/1/DE-Tumorschmerz-Patientenleitlinie.pdf
https://next.amboss.com/de/article/IG0Y03?q=tumorbedingte fatigue#FoWgdm0
https://www.leitlinienprogramm-onkologie.de/fileadmin/user_upload/Downloads/Leitlinien/Palliativmedizin/Version_2/LL_Palliativmedizin_Langversion_2.2.pdf
https://www.schmerzgesellschaft.de/topnavi/patienteninformationen/schmerzerkrankungen/tumorschmerzen
https://www.aerzteblatt.de/archiv/46129/Zertifizierte-medizinische-Fortbildung-Tumorschmerz
https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0885392421006801
https://reader.elsevier.com/reader/sd/pii/S2352013219304442?token=A542DE3295BC2E5C043ADA69E8399CD36FEC6DC48B921C83C55F01861E479158DBD53DB57E29054910892192D2031590&originRegion=eu-west-1&originCreation=20221010082645
https://www.cancer.gov/news-events/cancer-currents-blog/2019/cancer-pain-new-approaches
https://europepmc.org/backend/ptpmcrender.fcgi?accid=PMC4031190&blobtype=pdf
https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/053-036l_S1_Chronischer_Schmerz_2013-10-abgelaufen.pdf
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