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THC-Therapie bei MS

THC Therapie
Cannabis findet zunehmend Verwendung in der Medizin. Im Jahr 2017 wurden rund 5.000 bis 10.000 Patient:innen in Deutschland mit Cannabis-Präparaten behandelt.
Seit 2011 werden sie auch bei Multipler Sklerose als Therapeutikum verwendet. Vor allem bei dem Symptom der Spastik ("Muskelstarre"), unter der bis zu 80% der MS-Betroffenen leiden.

 

Darüber hinaus findet es auch Anwendung bei chronischen Schmerzen, Nerven­schmer­zen, grünem Star, ADHS, Tourettesyndrom, bei Übelkeit und zur Appetitsteigerung bei Krebs- und AIDS-Patient:innen und bei Rheu­ma.

Wir gehen heute erstmal einen Schritt zurück, um uns anzuschauen, wieso Cannabiskonsum überhaupt eine Wirkung auf uns hat und wieso Cannabinoide in erster Linie keine Droge, sondern ganz natürlich und sogar enorm wichtig sind.

 

Das Endocannabinoidsystem

Das Endocannabinoidsystem ist ein System in unserem Körper, welches dazu beiträgt, dass unser System im Gleichgewicht bleibt. Es löst bei Bindung von Cannabinoiden eine ganze Reihe physiologischer und psychologischer Prozesse im Körper aus (genaueres im nächsten Abschnitt).

 

Rezeptoren, Liganden und Wirkung

Wir produzieren in unserem Körper ganz natürlicherweise Cannabinoide, die sogenannten ENDO-Cannabinoide (von "endogen"= lat. innen, innerhalb, dem Körper entspringend).

(Endo-) Cannabinoide wirken im Gegensatz zu den meisten Neurotransmittern rückwärts von der Post- zur Präsynapse. Das bedeutet, dass sie die Signalübertragung bremsen, um unser System vor Überaktivität zu schützen und es in einem stabilen Gleichgewicht zu halten. Es reguliert im Wesentlichen alle grundlegenden Funktionen einschließlich Appetit, Erinnerung, Entzündung, Immunfunktion, Neuroprotektion und Entwicklung, Schmerzen (Wahrnehmung und Verarbeitung), Reproduktion, Schlaf, Stimmung, Stoffwechsel und Verdauung.

Für die Cannabinoide haben wir in unserem Körper die sogenannten Cannabinoid-Rezeptoren CB1 und CB2 (hauptsächlich, es gibt noch mehr):

 

CB1-Rezeptor

Hauptsächlich kommen CB1-Rezeptoren im Gehirn (Zentrales Nervensystem) vor und ist an motorischer Steuerung, Gedächtnisbildung und Schmerz-, Stress- und Angstverarbeitung beteiligt. Außerdem kommt der Rezeptor im Darm vor.

 

CB2-Rezeptor

CB2-Rezeptoren finden sich vorrangig auf Immunzellen, sowie im Magen-Darm-Trakt und im peripheren Nervensystem und können bei Aktivierung entzündungshemmende Immunreaktionen auslösen, sowie eine Reduktion von Zellschäden bewirken. Zusätzlich sind sie beim Knochenauf- und Abbau beteiligt und können auch den Stoffwechsel und Hungergefühl steuern. Sie sind bei Heilprozessen von einigen Knochen- und Nervenkrankheiten beteiligt.

 

CB3-Rezeptor

In der Wissenschaft eher unter dem Namen GPR55-Rezeptor bekannt, steht der CB3-Rezeptor wahrscheinlich in Verbindung mit dem Entstehen und Wachsen von Krebszellen.

 

All diese Rezeptoren haben wir also nicht, damit Cannabiskonsum bei uns Effekte zeigt, sondern ganz natürlicherweise als Andockstelle für unsere körpereigenen Cannabinoide.


Liganden

Die 2 wichtigsten Endocannabinoide sind Anandamid ("ananda"=Sanskrit für Glückseligkeit) und 2-Arachidonylglycerol. Es gibt noch weitere Endocannabinoide, wie Noladinether, Virodhamin und N-Arachidonoyldopamin (NADA), ihre Rolle im Körper ist allerdings noch nicht vollständig geklärt.

An exogenen Cannabinoiden kennen die meisten THC (delta-9-tetrahydrocannabinol) und CBD (Cannabidiol) aus der Hanfpflanze, welche auch in der Medizin am Meisten gebraucht werden. Des Weiteren findet man Cannabinoide auch in der Kavapflanze und Teepflanze.

 

Mangel an Cannabinoid

Bei einem Mangel an Endocannabinoiden kommt der Körper durch die fehlende Regulationsmöglichkeit ins Rotieren.

Es gibt Studien, die einen Zusammenhang von Mangel an Cannabinoid/ eine Störung des Endocannabinoid-Systems und dem Auftreten von bestimmten Krankheiten beschreiben, wie zum Beispiel bei den folgenden Erkrankungen:

  • Starke Kopfschmerzen; Migräne
  • Fibromyalgie
  • Reizdarmsyndrom
  • schwere Depression
  • Erkrankung von Parkinson
  • Erkrankung von Alzheimer
  • Posttraumatische Belastungsstörungen
  • ADHS
  • generalisierte Angststörung
  • Multiple Sklerose

Verdächtig wäre es vor allem, wenn man mehrere dieser Erkrankungen gleichzeitig entwickelt. Die sind bis jetzt noch Annahmen, welche noch einer wissenschaftliche Klarheit benötigen.

 

MS und Cannabis

Vorweg die Frage: Normales Cannabis und medizinisches Cannabis: Was ist eigentlich der Unterschied?

Vom Inhalt selbst unterscheidet sich "normales" Cannabis nicht von medizinischem Cannabis. Es wird jedoch unter medizinischen Bedingungen produziert und auf seine Zusammensetzung und seinen Wirkstoffgehalt getestet. Dadurch ist eine gleichbleibende Lieferqualität gesichert.

Und nun zur Cannabis-Therapie bei MS: Seit 2011 ist eine Cannabis-Therapie für MS-Betroffene mit mittelschwerer bis schwerer Spastiken als Add-on-Therapie (= zusätzliche Therapie) anerkannt. Seit 2017 sind sie in begründeten Fällen auch von der Krankenkasse erstattbar.

In der Leitlinie für MS (= systematisch entwickelte Entscheidungshilfen für Ärzt:innen, die auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse von den jeweiligen Fachgesellschaften entwickelt und regelmäßig aktualisiert werden) heißt es, dass man bei fast der Hälfte der Patient:innen, die man vorher nur unzureichend behandeln konnte, nun mit dem oben genannten Präparat signifikante Verbesserung der Symptomatik erzielen konnte.

Momentan wird die Cannabis-Therapie jedoch noch etwas zaghaft verwendet, da die Studienlage noch nicht sehr breit aufgestellt ist und auch die adäquate Aufklärung über die Möglichkeiten der Cannabis-Therapie der Ärzt:innen fehlt.

 

Der Effekt von Cannabis und die Verbindung zu MS

Durch die antientzündliche, schmerzlindernde und krampflösende/muskelentspannende Wirkung zeigt die Cannabis-Therapie bei MS-Erkrankten, die unter Spastiken, Schmerzen oder schmerzhaften Muskelkrämpfen leiden, gute Erfolge. Unterstützen kann eine Cannabis-Therapie darüber hinaus den Umgang mit Stress, Schlafstörungen und Stimmung.

Hier einmal aufgelistet, wobei es MS unterstützen kann

  • Entzündung
  • chronische Schmerzen
  • spastische Symptome
  • Depression

Das bis jetzt verwendete Präparat heisst Sativex und beinhaltet den Wirkstoff Nabiximol (eine Mischung aus THC und CBD im Verhältnis 1:1), welcher aus der Cannabispflanze (meist Cannabis sativa L.) extrahiert wird. Das Präparat ist ein Spray, welches oral eingenommen wird. Es wird also weder geraucht, noch verdampft. Die Inhaltsstoffe sollen spastische Schmerzen, Blasenfunktionsstörungen und Schlafprobleme lindern.

Nebenwirkungen, die in einer Studie beschrieben wurden waren Schwindel (5,6%), Aufmerksamkeitsstörungen und Verwirrung (2,5%), Übelkeit (1,25%) und Benommenheit/Schläfrigkeit (1,25%). Auch eine Mundtrockenheit ist möglich. Es wird eine weniger stark ausgeprägte Rauschwirkung, als beim normalen Cannabis-konsum beschrieben. Außerdem kann die Fahrtüchtigkeit herabgesetzt sein, muss aber nicht.

Neben Sativex gibt es auch die Möglichkeit CBD-Öl (ohne THC) oral einzunehmen. CBD-Öl sind beruhigende, angst- und schmerzlindernde Wirkungen zugeschrieben. MS-Betroffene beschreiben in Blogartikeln sowohl eine Erleichterung der Fatigue-Symptomatik, als auch des Uhthoff-Phänomens, bei welchem die Hitze besser zu ertragen sei. Wissenschaftliche Daten gibt es hierzu allerdings noch nicht.

 

Unterschiedliche Wirkung von THC und CBD:

Auf molekularer Ebene gibt es einen entscheidenden Unterschied. Während THC passender Interaktions-Partner vom CB1-Rezeptor (auch CB2, jedoch weniger) ist und dadurch den "Rauschzustand" auslöst, blockiert CBD den CB1-Rezeptor. Das hemmt beispielsweise die psychischen Wirkungen des THCs, die Steigerung der Herzfrequenz und die Zunahme des Appetits. CBD wirkt außerdem an zwei Vanilloidrezeptoren (Schmerzrezeptoren), dem 5-HT1A-Rezeptor (Serotonin-Rezeptor) und dem Glycinrezeptor (Schmerzweiterleitung) und hemmt den Abbau von Anandamid (endogenes Cannabinoid). Weitere Wirkungen des CBDs sind antioxidative Effekte und eine Verstärkung der Signalgebung von Adenosin (Blockade von Neurotransmittern).

Kurz und knapp: Während THC direkt auf den Rezeptor und Organismus wirkt und eine psychoaktive Wirkung entfaltet, wirkt CBD breit gefächert, indirekt und nicht psychoaktiv.

Um nochmals auf den Zusammenhang zwischen dem Endocannabinoid-System und MS zu kommen: In einer Studie [1] wurde beobachtet, dass das Endocannabinoid-System bei einem akuten Schub hochgefahren wurde (vor allem die Ausschüttung von Anandamid, weniger 2-Arachidonoylglycerol), was darauf abzielt, sowohl neurodegenerative, als auch entzündliche Schäden zu reduzieren, an denen neuronale und Immunzellen beteiligt sind.

Wie du das eigene Endocannabinoid-System unterstützen kannst, erfährst du jetzt.

 

Wie kann ich mein Endocannabinolsystem natürlicherweise unterstützen?

  • Stress lindern:
  • Chronischer Stress bremst die Bildung deiner körpereigenen Cannabinoide.
  • Gut schlafen:
  • Nachts regenerieren sich die CB-Rezeptoren, der Körper entgiftet und erholt sich.
  • Intervallfasten und Heilfasten:
  • Fasten fördert die Bildung von Endo-Cannabinoiden.
  • Probiotika bzw. probiotische Lebensmittel:
  • z.B. Kombucha, Sauerkraut, Brottrunk = alles Fermentierte
  • Probiotika bzw. probiotische Lebensmittel fördern die Bildung von CB1- und CB2-Rezeptoren im Verdauungstrakt.
  • weniger Kaffee:
  • Kaffee im Übermaß verhindert die Bildung von Endocannabinoiden und kann den Körper unter Stress setzen.
  • Alkohol meiden:
  • Alkohol im Übermaß beeinträchtigt die Cannabinoid-Rezeptoren.
  • Zucker reduzieren:
  • Zucker senkt die Bildung von Endo-Cannabinoiden und beeinträchtigt den CB1-Rezeptor.
  • Nicht rauchen
  • Die Rezeptoren im gesamten Nervensystem werden durch das Rauchen beeinträchtigt. Zudem nehmen Entzündungen zu.
  • Kakao:
  • Kakao scheint das Enzym FAAH zu hemmen, welches den Abbau von Anandamid regelt. Dadurch wirkt Anandamid länger.
  • Omega-3-Fettsäuren:
  • Generell wirkt ein gutes Verhältnis zwischen Omega-3 und Omega-6-Fettsäuren (ca. 1:4/1:5) antientzündlich. Außerdem gibt es die Endocannabinoid-Epoxide, welche aus Omega-3-Fettsäuren und Cannabinoiden zusammengesetzt sind. Sie wirken ebenfalls antientzündlich.
  • Reishi-Vitalpilz:
  • Er enthält über 120 verschiedene Triterpene, Polyphenole und andere Stoffe, die entzündungs- und schmerzlindernde Eigenschaften aufweisen.
  • CBD-Öl:
  • Dieses wirkt allerdings erst gut, wenn du dich generell gut um dein Endocannabinoid-System kümmerst mit einer gesunde Ernährung und einem gesunden Lebensstil.

 

Fazit

Es handelt sich um ein komplexes und gleichzeitig hochspannendes Thema.

Nicht nur, dass das Nabiximol-Spray zugelassen und durch mehrere Studien klinisch bestätigt ist. Nein, du kannst sogar jederzeit deinen Körper selber unterstützen. Ganz ohne Rezept oder Medikament. Das Cannabis-Präparat ist also nicht das Einzige, was hilft. Man kann selber sein eigenes Endocannabinoid-System unterstützen, wie oben beschrieben und sich damit etwas Gutes tun.

Und die Option der zusätzlichen Unterstützung durch Nabiximol-Spray bei mittelschwerer bis schwerer Spastik steht zusätzlich zur Verfügung.

Weitere Fragen können auch immer mit dem:der behandelnden Ärzt:in besprochen werden.

 




Quellen


  • 2017, Ärzteblatt, Cannabistherapie bei Krebs oder Multipler Sklerose
  • 2011, Neuropsychopharmacology,Mateus M Bergamaschi et al., Cannabidiol Reduces the Anxiety Induced by Simulated Public Speaking in Treatment-Naive Social Phobia Patients, doi: 10.1038/npp.2011.6
  • 2016, Cannabis and Cannabinoid Research, Ethan B. Russo, Clinical Endocannabinoid Deficiency Reconsidered: Current Research Supports the Theory in Migraine, Fibromyalgia, Irritable Bowel, and Other Treatment-Resistant Syndromes, doi: 10.1089/can.2016.0009
  • 2008, J Neuroendocinol., K Mackie, Cannabinoid receptors: where they are and what they do, doi: 10.1111/j.1365-2826.2008.01671.x
  • 2004, Neurology, A. J. Clark, M. A. Ware, E. Yazer, T. J. Murray, M. E. Lynch, Patterns of cannabis use among patients with multiple sclerosis, doi: 10.1212/01.WNL.0000127707.07621.72
  • 2007, European Journal of Neurology, C. Collin, P. Davies, I. K. Mutiboko, S. Ratcliffe, for the Sativex Spasticity in MS Study Group, Randomized controlled study of cannabis-based medicine in spasticity caused by multiple sclerosis, doi: 10.1111/j.1468-1331.2006.01639.x
  • https://www.medmeister.de/cannabis-bei-ms/
  • https://schnelleinfachgesund.de/endocannabinoid-system/#Der_CB1-Rezeptor_Aufgaben_und_Funktionen
  • https://doctip.de/endocannabinoid-system/
  • 2011, Das Multiple Sklerose Portal, AMSEL e.V., 10 Fakten zu Sativex
  • 2014, Patrick Vermersch, MObility ImproVEment with spasticity in multiple sclerosis in Europe: the MOVE 1 EU study
  • 2016, European Neurology, Trojano M., THC:CBD Observational Study Data: Evolution of Resistant MS Spasticity and Associated Symptoms, doi: 10.1159/000444235
  • 2015, European Neurology, Trojano M., Vila C., Effectiveness and Tolerability of THC/CBD Oromucosal Spray for Multiple Sclerosis Spasticity in Italy: First Data from a Large Observational Study, doi: 10.1159/000441619
  • 2007, Brain - Oxford University Press, Diego Centonze et al., The Endocannabinoid System Is Dysregulated in Multiple Sclerosis and in Experimental Autoimmune Encephalomyelitis, doi: 130(10):2543-2553
  • 2016, Therapeutic Advances in Neurological Disorders, Uwe K. Zettl, Paulus Rommer, Petra Hipp, Robert Patejdl, Evidence for the efficacy and effectiveness of THC-CBD oromucosal spray in symptom management of patients with spasticity due to multiple sclerosis, doi: 10.1177/1756285615612659
  • 2012, dmsg, Redaktion: DMSG Bundesverband e.V., Mundspray auf Cannabisbasis bei Multipler Sklerosis: Studie bestätigt Wirkung
  • 2013, Neurobiology of Disease, M. Mecha et al., Cannabidiol provides long-lasting protection against the deleterious effects of inflammation in a viral model of multiple sclerosis: A role for A2A receptors, doi: 10.1016/j.nbd.2013.06.016
  • 2011, European Journal of Neurology, Novotna et al., A randomized, double-blind, placebo-controlled, parallel-group, enriched-design study of nabiximols* (Sativex(®) ), as add-on therapy, in subjects with refractory spasticity caused by multiple sclerosis, doi: 10.1111/j.1468-1331.2010.03328.x
  • 2010, Neurological Research, Collin et al., A double-blind, randomized, placebo-controlled, parallel-group study of Sativex, in subjects with symptoms of spasticity due to multiple sclerosis, doi: 10.1179/016164109X12590518685660
  • 2010, Multiple Sclerosis, Wade et al., Meta-analysis of the efficacy and safety of Sativex (nabiximols), on spasticity in people with multiple sclerosis, doi: 10.1177/1352458510367462
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