Fimo Blog

Impfung gegen MS

Im Januar 2021 kam ein wissenschaftlicher Artikel über eine tierexperimentelle Studie zu mRNA-Impfstoffen zu MS heraus. Dieser Artikel wurde in der Community zwar relativ populär, war aber auch mit viel Unsicherheit und offenen Fragen verbunden. Daher haben wir uns die Studie mal genauer angeschaut, um Aufklärung in die MS-Community zu bringen.


Was wir besonders kritisieren möchten, ist, dass in den unterschiedlichen Zeitungen und Magazinen nicht ausdrücklich darauf hingewiesen wurde, dass es noch sehr viele unbeantwortete Fragen in der Forschung gibt. Wir sind leider noch sehr weit davon entfernt, von einer "Impfung gegen MS" zu sprechen. Leider wurden die Artikel so verfasst, dass sie mit ihren reißerischen Überschriften Hoffnungen bei den Betroffenen schüren könnten.

Wer an der Studie beteiligt ist

An der Studie arbeitet eine Forschungsgruppe aus Wissenschaftlern des Unternehmens Biontech und dem biopharmazeutischen Forschungsinstitut TRON der Universitätsmedizin der Uni Mainz. Das Unternehmen Biontech ist vor allem bekannt geworden durch den mRNA-Wirkstoff gegen Covid-19. Auch bei dieser experimentellen Studie handelt es sich um einen mRNA-Wirkstoff.

Warum könnte ein mRNA-Wirkstoff bei MS helfen?

MS ist eine Autoimmunerkrankung, bei dem das Immunsystem Antikörper gegen körpereigene Zellen richtet. Das bedeutet, der Körper produziert Antikörper gegen bestimmte Antigene, welche sozusagen die Erkennungsmoleküle auf den Zellen sind. Die vom Körper produzierten Antikörper richten sich auf Antigene, die auf Zellen der Myelinscheiden sitzen. Die schnelle Weiterleitung der Nervensignale an das Gehirn wird nun verhindert. Kommt es zur Zerstörung der Myelinscheiden, führt dies zur chronischen Entzündung und Störung der Weiterleitung von Nervensignalen, wodurch wiederum Symptome wie z. B. Missempfindungen, Störungen der Motorik usw. ausgelöst werden.

Therapie der MS

Die Therapie der MS erfolgt über drei Säulen. Die symptomatische Therapie, bei der Symptome der MS behandelt werden die Schubtherapie und die immunmodulatorische Therapie.
Bei der immunmodulatorischen Therapie werden Entzündungsreaktionen unterdrückt und das überaktive Immunsystem abgeschwächt. Das Problem ist dabei immer die Mitte zu finden, sodass das Immunsystem nicht zu stark unterdrückt wird, sonst könnte die Abwehrfunktion gegen andere Krankheitserreger außer Kraft gesetzt werden. Bei dieser Therapie setzte im Prinzip das Experiment an.

Das Maus-Modell

Die Studie wurde an Labormäusen durchgeführt, die mit einer autoimmunen Enzephalomyelitis (EAE) erkrankt waren. Diese EAE bei der das Immunsystem der Mäuse die Myelinscheiden angreift, ähnelt sehr der Multiplen Sklerose des Menschen.
Man versucht in diesem Ansatz das Immunsystem "toleranter" gegenüber des auslösenden Proteins (Antigens) zu machen. Man kann sich wie bei der Desensibilisierung bei Allergien vorstellen. Dabei wird dem Körper ebenfalls das Allergen zugeführt, sodass sich dieser daran "gewöhnen kann" und folglich nur eine abgeschwächte Abwehrreaktion erfolgt.
Anstatt des fertigen Antigens, wogegen der Körper reagiert, wird aber nur der Bauplan des Antigens dem Körper geimpft, dem sogenannten mRNA-Wirkstoff. Der Bauplan des Wirkstoffes wurde vorher so verändert, dass zusätzlich verstärkende Entzündungssignale ausbleiben. Dadurch kann dann eine Immuntoleranz gegenüber dem Antigen entstehen und die Zerstörung der Zellen bleibt aus. Bei diesem Experiment wurden Mäuse mit und ohne Impfung verglichen.

Ergebnisse der Studie

Die Impfung konnte bei Mäusen den Ausbruch der Erkrankung verhindern oder im Frühstadium stoppen und motorische Fähigkeiten wieder herstellen. In der Kontrollgruppe kam es zum Abbau der Myelinscheide, in der Impfgruppe waren die Myelinscheiden intakt. Die Anzahl an Zellen, die für den Angriff auf Myelinscheiden verantwortlich sind, die sogenannten T-Helferzellen, wurden reduziert und gleichzeitig konnten die wichtigen T-Zellen, die zur Regulation der Immunreaktion eine Rolle spielen, gesteigert werden. Dies konnte den Fortschritt der Erkrankung potenziell verhindern. Leider ist die Studie nicht einfach auf den Menschen übertragbar.

Was bedeute es, wenn eine Tierstudie erfolgreich war?

Dass die Studie nicht auf den Menschen übertragbar ist, liegt daran, dass beim Menschen unterschiedliche Antigene für die Autoimmunreaktion gegen die Zellen der Myelinscheide verantwortlich sind. Bei der Maus weiß man jedoch genau, welche Antigene dafür verantwortlich sind. Die mRNA kann somit bei der Maus spezifisch verändert werden.
Beim Menschen sind es viele unterschiedliche Antigene, die sich mutmaßlich im Laufe der Erkrankung auch verändern. Man weiß bisher aber noch nicht, welche Antigene das genau sind, das bedeutet im Umkehrschluss, dass man dementsprechend die mRNA nicht gezielt verändern kann, da Menschen ein individuelles Immunprofil besitzen.
Durch dieses individuelle Immunprofil des Menschen ist es besonders schwer, eine Lösung für MS-Betroffene zu finden. Man sollte sich demnach nicht an große Hoffnungen klammern. Solche Aussagen sehen in Überschriften gut aus und erzielen damit eine große Reichweite, aber sie vermitteln bei den Betroffenen und Familien oft falsche Hoffnungen.


Fazit

Abschließend muss man sagen, dass es sich um eine großartige und innovative Studie handelt, die der Anfang einer Möglichkeit einer MS-Impfung in der fernen Zukunft sein könnte und deswegen auch völlig zurecht in einem der relevantesten wissenschaftlichen Magazine überhaupt publiziert wurde. Es handelt sich hier um eine nicht greifbare Therapieoption, die leider nicht schnell umgesetzt werden kann. Die Erkenntnisse dieser Studie können zwar Basis für weitere Studien sein, aber es wird noch viele Jahre dauern, bis man einer möglichen Impfung gegen MS bedeutend näher kommt.
Bitte genießt solche reißerischen Aussagen immer mit Vorsicht und lasst euch nicht dazu verleiten, frühzeitig zu viel Hoffnung in solche Aussagen zu stecken. Fragt ggf. eure Ärzt:in oder in eurer Fachklinik nach, wenn ihr etwas nicht versteht oder mehr wissen wollt. Selbst für uns als MS- und Medizinexperten sind solche experimentellen Studien zum Teil sehr komplex und schwer zu verstehen - es erfordert viel Zeit sich in diese Thematiken einzuarbeiten. Es kann also auch niemand von euch erwarten, dass ihr euch das Wissen mal eben selbst aneignet.

Multiple Sklerose