Fimo Blog

Erwerbsminderungsrente mit MS - Ein neuer Alltag

Leben mit MS und Rente

Photo by Brooke Lark on Unsplash


Was mache ich mit meiner Zeit?
Wie komme ich zur Ruhe?
Wie finde ich trotzdem Struktur in meinem Leben?
Wie kann ich trotzdem Erfolg im Leben spüren?

 

Solche Fragen werden bei dir wahrscheinlich auftauchen, wenn du in Rente gehst. Die meisten von uns wachsen mit der Überzeugung auf, dass die Arbeit der Lebensmittelpunkt sei. Und das wird er oft auch. Der Job dient dazu sich den Lebensunterhalt zu verdienen und dabei ist es dann meistens auch egal, ob er Spaß macht oder nicht. Viele wünschen sich sogar, dass sie nicht mehr arbeiten gehen müssten. Doch die meisten vergessen etwas sehr wichtiges: Arbeiten gehen gibt Struktur. Und nicht nur das. Arbeiten gehen gibt einem auch das Gefühl etwas Sinnvolles mit seinem Leben zu machen, einen gesellschaftlich relevanten Unterschied zu machen und sich eventuell auch erfolgreich im Leben zu fühlen. Was tun, wenn der Job dann auf einmal wegfällt?

Patient:innen berichten, dass sie in ein Loch fallen. Der Tag ist plötzlich so leer, man muss nirgends mehr hin, keinen Anforderungen entsprechen, keine Leistung mehr bringen und keine Deadlines mehr erreichen. Auf einmal alle Zeit der Welt zu haben, kann irritierend sein und uns innerlich etwas rastlos fühlen lassen.

 

Ein paar Tipps und Tricks für die Umbruchphase

Das Wichtigste: Jetzt geduldig bleiben mit dir! Dieser Zustand wird nicht für immer bleiben, sondern du wirst dich langsam umgewöhnen.

Du wirst wahrscheinlich erstmal sehen, was du alles nicht mehr hast. (einen Grund morgens aufzustehen; einen Lebenssinn; das Gefühl, am Tag etwas geschafft zu haben; das Gefühl, dich selbstständig versorgen zu können,...) Das ist okay. Und dann kommt irgendwann der Wendepunkt, an dem du auf einmal sehen kannst, was für wunderschöne, neue Möglichkeiten du bekommen hast (z.B. Zeit, dich auf deine Heilung zu konzentrieren).

Das Ganze ist ein Prozess. Ein großer Loslassprozess. Anstatt den Dingen hinterherzutrauern, wirst du lernen müssen Vergangenes Vergangenheit sein zu lassen.

Neues ist immer erstmal ungewohnt. Und Veränderung macht uns oft Angst. Lerne, dich in diesen ungewohnten Zustand hineinzuentspannen und dich im Unwohlsein wohl zu fühlen. Keine leichte, aber definitiv eine Aufgabe, die mit Gelassenheit belohnt wird.

Du kannst in diesem Prozess viel fürs ganze Leben lernen, was andere erst in der Altersrente oder nie erleben. Dinge wie:

 

Nimm dir also Zeit für diesen Prozess. Gerade am Anfang. Und wenn du dich soweit fühlst, dass du in deiner Mitte wieder angekommen bist, dann kannst du dich damit beschäftigen, was du eigentlich so gern in deinem Leben schon immer mal machen wolltest. Hinterfrage deine Intentionen dann immer mal wieder. (Wieso mache/will ich das eigentlich?) Und tue Dinge nicht, nur um dein Leben mehr Inhalt zu geben. Es ist eine der größten Aufgaben im Leben sich mit der Leere auseinanderzusetzen, sie nicht immer füllen zu wollen und im Frieden mit ihr zu sein.

 

Wenn du soweit bist: Neue Lebensziele finden

Du könntest dir zum Beispiel eine ehrenamtliche Arbeit suchen, die dich erfüllt und dir Freude bringt, in der du aber auch flexibel sein darfst, wenn du dich mal nicht danach fühlst.

Du könntest dir auch ein Thema suchen, was dich schon immer interessiert hat und anfangen Bücher darüber zu lesen und so ein Wissen aufzubauen.

Du könntest anfangen einen Blog zu schreiben.

Wenn dir vorher Arbeit im Leben Struktur gegeben hat, ist es wichtig, dass du irgendetwas findest, was dir auf andere Art und Weise Halt und Struktur gibt.

 

Was ist überhaupt Struktur?

Struktur ist ein schwer greifbares Wort. Es wird für verschiedene Beschreibungen genutzt. Synonyme für die Struktur, die wir hier meinen sind zum Beispiel Gliederung, Gerüst, Plan, Ordnung. Struktur ist etwas, was dich hält. Wie bei einem Rohr, durch das Wasser fliesst. Das Rohr gibt die Struktur vor, das Wasser kann dadurch einfach hindurchfließen. Genauso mit unseren Venen und dem Blut. Ohne die Venenwand als Struktur/Barriere würden wir nicht existieren.

Struktur im Alltag hat verschiedene Facetten und häufig eine gewisse Regelmäßigkeit in sich:

  • Rituale → "nach vorgegebenen Regeln ablaufende, meist formelle und oft feierlich-festliche Handlung mit hohem Symbolgehalt" → Vollmond-Rituale, Waldbaden, Feste (Weihnachten, Ostern), Geburtstage
  • Routinen → ein übliche oder regelmäßige Gewohnheit, kann sowohl förderlich (Stabilität), als auch hinterlich (Altagstrott)sein → zum Beispiel Morgen- und Abendroutine
  • regelmäßige Termine → Tanzkurs, Sprachkurs, Meditationskurs, usw.

Vorher hat die Arbeit dir Struktur von außen gegeben. Jetzt ist es deine Verantwortung, dir eine Struktur von innen zu erschaffen.

Diese Struktur ist, wenn sie einmal aufgebaut ist, deutlich stabiler als jede äußere Struktur. Sie kann nicht auf einmal wegfallen und dir den Boden unter den Füßen wegreißen. Sie hält dich von innen. Es gilt dabei, eine gesunde Mitte zu finden zwischen "das Leben mit Struktur ausstatten" und "dem Leben auch noch Flexibilität zu lassen" für Dinge, die spontan kommen und ausgelebt, gefühlt werden wollen.

 

Metaphorische Erklärung

Werden diese Bäume nun gefällt, fällt dein Zelt zusammen. Du kannst die Seile auch nicht mehr festbinden, da die Bäume weg sind. Werden diese Bäume nun gefällt, fällt dein Zelt zusammen. Du kannst die Seile auch nicht mehr festbinden, da die Bäume weg sind.

Was nun?

Der erste Impuls wird sein, sich auf Diejenigen wütend zu sein, die die Bäume gefällt haben. Und dem Zustand hinterherzutrauern, als das Zelt noch von außen gehalten wurde. Das ist normal!

Irgendwann wirst du dir jedoch wieder ein stabiles Dach über dem Kopf wünschen und fängst an, nachzudenken.

Diese Struktur kommt dann von innen. Eigentlich hast du noch keine Ahnung, wie du das bewerkstelligen willst, aber du kannst es dir vorstellen. Du sammelst also Äste. Und fängst an dir eine Struktur zu überlegen. Gerade am Anfang fällt dein Zelt vielleicht immer mal wieder zusammen. Aber mit der Zeit nimmt deine Struktur Form an. Und eines Tages ist die Struktur so stabil, dass sie dein Zelt halten kann.

Natürlich stehen immer mal wieder Wartungsarbeiten an. Doch jetzt weißt du, wie du dein Zelt selber stabil aufbauen kannst. Und auch das gibt dir Halt. Und wahrscheinlich bist du sogar ganz schön stolz darauf, dass du es so gut alleine hinbekommen hast, ganz ohne die Bäume.

Oder viellleicht hattest du sogar Hilfe von einem Zeltexperten, der sich total gut damit auskennt und dir deine Erfahrung mit ein paar Tipps und Tricks etwas leichter machen konnte. All das gehört auch dazu. Wieso sich denn das Leben schwer machen?

Das, was bei diesem Gleichnis wichtig ist: Dass du dich auf den Weg machst, selber Verantwortung zu übernehmen.

 

Sich in der Opferrolle zu fühlen ist okay. Doch darin zu verharren ist nicht okay. Du kreierst dein Leben.

Strukturen sind wie Leitplanken. Sie halten dich in der Bahn und puffern dich ab, wenn du mal vom Weg abkommst.

Gegenüber der Fähigkeit, die Arbeit eines einzigen Tages sinnvoll zu ordnen, ist alles andere im Leben ein Kinderspiel. ~Johanna Wolfgang von Goethe

Ordnung ist das halbe Leben.

 

Emotionaler Umgang

Zusammen mit der Erwerbsminderungsrente kommen wahrscheinlich einige Emotionen hoch. Sei dir bewusst, dass es nicht nur dir so gehen wird und, dass es emotional sehr herausfordernd sein kann.

Hier sind ein paar Emotionen, die dir eventuell begegnen könnten:

  • Schuld, weil man es nicht schafft, sich selbst zu versorgen und andere für einen mitbezahlen/aufkommen müssen
  • Verloren/Verzweifelt/Hilflos, da man einen neuen Lebensmittelpunkt und neuen Sinn im Leben finden muss
  • Spannung/ Schwierigkeiten zu entspannen
  • Trauer, man fühlt sich, als hätten man verloren und müsste etwas aufgeben oder hätte aufgegeben (zum Beispiel eine Vision vom Leben)
  • Sorge, wie es weitergeht, gerade mit dem Papierkram
  • Depression, vielleicht fällt man noch weiter in ein Loch, da man keinen strukturierten Tagesablauf mehr hat
  • Angst durch die Veränderung, es ist keine klare Zukunft in Sicht

 

Wie kann ich damit umgehen?

Der einzige Weg aus der Emotion ist durch die Emotion.

Hole dir dazu jegliche Unterstützung, die du brauchst. Entweder durch eine:n Psychologen:in oder anderweitige:n Therapeuten:in oder indem du dich Freund:innen mitteilst. Für andere tut es eine Tasse Kakao und ein Tagebuch, in dem du deine Gefühle und Prozesse festhalten kannst.

Emotionen sind wie ein Fluss. Versuche den Fluss fließen zu lassen und keine blockierenden Staudämme zu bauen, sonst staut der Fluss sich und sorgt für Überschwemmung.

 




Quellen


https://de.wikipedia.org/wiki/Ritual

Multiple Sklerose